Reden wir darüber

Das Blog von Thomas K. "Ich mag verdammen, was Du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass Du es sagen darfst." [Voltaire]

Archiv für die Kategorie “Zeitungsschau”

Ich vernachlässige mein Blog,

meinen einige Bekannte. Der Grund ist, dass ich in letzter Zeit weniger veröffentliche.

Weiter geht es hier: http://tom-coal.com/?p=1443

ADAC – Vertrauen verspielt?

Meine „liebste Schlagzeile“ war die über den ADAC von der WELT:

Der ADAC verspielt all seine Glaubwürdigkeit

lautete sie. Mal ehrlich, der ADAC ist ein Automobilclub und trotz der Manipulation beim Preis „Gelber Engel“ werden die Autofahrer den echten Gelben Engeln ihr Vertrauen nicht entziehen. Diese helfen nämlich wirklich.

Aber eine Frage an den Vorstand des ADAC sei mir gestattet. Ich gehe ganz positiv davon aus, dass wirklich nur die Teilnehmerzahlen bei der Umfrage geschönt wurden – nicht das Ergebnis. Warum diese manipulieren? Das kann ich mir selbst erklären – die „ADAC Motorwelt“ wollte ihre Bedeutung künstlich erhöhen. Jetzt aber meine Frage:

Wer war verantwortlich und was passiert mit den Verantwortlichen?

Der Hintergrund meiner Frage ist leicht erklärt. Ich war ca. 10 Jahre im ADAC-Straßendienst (das sind die Vertragsbetriebe des ADAC) beschäftigt. Dort gab es einen Grundsatz „Jede Beschwerde kann für das Unternehmen das Ende des ADAC-Vertrages bedeuten:“ Ohne wenn und aber. Weil die Beschwerden das Ansehen des ADAC bei seinen Mitgliedern und auch Nichtmitgliedern schädigen. Über die Konsequenzen für einen beim ADAC angestellten Straßenwacht -Fahrer sollte lieber einer von denen berichten.

Die Konsequenzen für eine private Firma die vom Erscheinungsbild angefangen alles auf den ADAC, dessen Forderungen sind nicht gering, abgestimmt hat sind wohl klar.

Nun ist der Kommunikationschef zurückgetreten und der Vorstand wusste wohl von den Manipulationen nichts. Das ist lächerlich.

Was der Vorstand nun macht interessiert mich eigentlich weniger. Sie werden wohl weder alle Verantwortlichen entlassen, noch diese an den Rand des persönlichen Ruins bringen wie den Vertragspartner. Sie werden sich gewiss bei den Mitgliedern des Clubs entschuldigen und um ihr Vertrauen werben.

Aber eine Entschuldigung wäre dringend fällig – die bei den Mitarbeitern auf der Straße. Bei den Straßenwacht und Straßendienstmitarbeitern.

Die müssen nämlich jetzt den Karren wieder aus dem Dreck ziehen.

P.S. Die Motorwelt kann meinetwegen eingestellt werden, samt dem Preis für das „beliebteste Auto“.

Aktivismus und Journalismus, geht das?

Die in der ZEIT aufgeworfene Frage lässt sich wohl an einem Beispiel von gestern leicht beantworten. Allerdings nicht aus der ZEIT sondern aus der WELT. Der „Chef-Journalist“ Günther Lachmann, wobei ich Chef nicht bestreite, schreibt über den Parteitag der Piratenpartei.

Bereits der Einstieg ist aktivistisch.

…Partei, die bei der Bundestagswahl scheiterte.*

Also eine allgemeine Beschreibung aller Parteien die nicht im Parlament vertreten sind. Sollte man meinen, wenn da nicht gleich in einem der ersten Sätze die Kampfrhetorik ganz aktivistisch zuschlagen würde.

Es könnte das letzte Aufbäumen einer Partei sein, die schon bei der Bundestagswahl im vergangenen September vernichtend geschlagen schien.*

„Letztes Aufbäumen“ und „vernichtend geschlagen“ welch schöne Ausdrücke. Besonders wenn man sie im Zusammenhang mit dem Schlussabsatz sieht.

Dort zitiert er Peter Schaar:

Es reiche nicht aus, wenn die Piraten nur die richtigen Fragen stellten, … Sie müssten auch überzeugende Antworten geben. „Davon aber sind sie derzeit weit entfernt“*

Das stimmt schon, aber auch Peter Schaar meint mit überzeugenden Antworten wohl nicht unbedingt einfache Antworten.

Das folgende Zitat von Wolfgang Merkel, Direktor des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung, hat ihm wohl noch besser gepasst:

…die Frage, ob die Piraten noch gebraucht würden, „wurde bei der vergangenen Bundestagswahl von 97,8 Prozent der Wähler mit Nein beantwortet“. Merkel wörtlich: „Ich schließe mich diesem überwältigenden Votum an.“*

Ehrlich, eine private Meinung eines Direktors eines Instituts interessiert mich wenig. Zumal wenn ich bedenke, dass die Große Koalition bestehend aus CDU/CSU die von 58,5 % der Wähler und SPD die von 74,3 % der Wähler nicht gewollt sind, uns regiert.**

Politischer Aktivismus eines Glenn Greenwald ist mir da weitaus lieber.

piraten-antworten

Ich hab meinen „Wahlkampfslogan“ nicht bearbeitet, der gilt auch für die Europawahl.

* Quelle:  der oben verlinkte Artikel WELT 04.01.2013

** Quelle der Zahlen: Endgültiges amtliches Ergebnis der Bundestagswahl 2013

Georg Diez vs. Alice Schwarzer

oder wenn ein Hund einen Baum anpinkelt.

Ehrlich, was Alice Schwarzer betrifft bin ich sehr zwiegespalten. Ich mag ihre Bücher, ihr früheres Auftreten in Talkshows und ihre Scharfzüngigkeit. Dass sie ihre Meinung als eine neue Version der Heilsgeschichte ansieht ist eine Sache die ich nicht mag.

Aber hat sie das verdient?

Einleitend sei gesagt. Ich bin gegen das Verbot der Prostitution und die Verfolgung der Freier. Grund dafür ist die Befürchtung des endgültigen Abwanderns der Prostitution in den Untergrund und somit eine Zunahme der Zwangsprostitution. Was nun die Freier betrifft, da ist die Sache noch einfacher. Ob Alice Schwarzer dies beabsichtigt oder nicht, mit der Forderung unterstützt sie die Apologeten des Überwachungsstaates. Das wäre der Alice Schwarzer in den 70ern nicht passiert.

Aber nun zu Georg Diez.

Die Frage steht doch erst einmal „Was hat das mit Lust zu tun?“

Die Aussage in der Einleitung des Artikels ist so grottenschlecht

Er lässt es nicht zu, dass Frauen und Männer selbst entscheiden, was sie mit ihrem Körper tun und wie sie mit ihrer Lust umgehen.

Er ist natürlich an der Stelle der Feminismus. Der von Alice Schwarzer.

Was hat die Prostitution mit Lust zu tun? Und wenn ja für wen?

Ich habe ehrlich gesagt keine Erfahrungen mit dem Gewerbe, weder von der einen noch von der anderen Seite. Aber meine männlichen Freunde und Bekannten die diese Dienstleistung bereits in Anspruch nahmen haben da nie von Lust gesprochen. Trieb, Geilheit, Neugier usw waren genannte Motive. Die weiblichen die dort tätig waren oder sind sprachen auch nicht von Lust.

Wie gesagt, ich bin gegen ein Verbot ob es nun eine Alice Schwarzer fordert oder wer sonst. Diez lässt nun aber nicht locker. Er verbeißt sich in das Thema.

Und so steht in diesem Fall Regelwahn gegen Realismus, was in der Debatte um Prostitution zu sehr unangenehmen Konsequenzen führt – gerade wenn es darum geht zu beschreiben, was ein Mensch ist und was ein Mensch tut: Und darum geht es beim Sex nun mal.

Das von Alice Schwarzer geforderte Verbot erfüllt durchaus die Voraussetzungen des Regelwahns. Aber wo bitte ist der Realismus den Diez einfordert? Und worum geht es beim einvernehmlichen Sex? Einvernehmlich egal ob mit oder ohne Bezahlung.

Ein Berufsstand „Hure“ oder „Stricher“, das ist keine Beleidigung sondern die Selbstbezeichnung vieler die in der Branche arbeiten, mit gesellschaftlicher Akzeptanz als Dienstleister in dieser Branche, Schutz durch den Staat usw wären doch Forderungen die man in einem Forum wie SPON abarbeiten könnte.

Aber nein, die Abarbeitung an Alice Schwarzer ist einfacher und vor allem völlig sinnlos.

DER KRITIKER heißt die Kolumne, Kritiker kritisieren eben nur.

DIE ZEIT und KTzG

Nun hat sich ja schon (gefühlt) die gesamte Netzgemeinde zum Interview der ZEIT mit KTzG geäußert, trotzdem möchte ich hier auch mein Stimmchen in diesen Chor einbringen.

Erst einmal zum Begriff KTzG. Ich habe im Februar beschlossen ihn nur noch so zu bezeichnen. Nicht weil ich schreibfaul bin. Der Grund ist vielmehr, dass er eine mediale Gestalt für mich ist. In unseren heutigen Welt ist man erst wichtig wenn man ein Kürzel hat, so wie DSDS, GNTM oder eben KTzG. Aber es weiß ja jeder wen ich meine.

Erst einmal chapeau für die ZEIT und KTzG. Es ist den beiden gelungen dem unvoreingenommenen Leser, wenn es diesen gibt, im letzten Teil des Interviews den Eindruck des Politikers im Exil zu vermitteln. Eigentlich agiert KTzG im Interview als Fürst, der sich bitten lassen wird zurück zu kommen. Bitten lassen wird von seinem Volk.

Das ist ein extrem guter Aufbau des Interviews – Glückwunsch an Giovanni di Lorenzo. Sie haben mich nicht enttäuscht.

Auch die Bildkomposition ist bemerkenswert. Sieht man auf den alten Bildern den strahlenden, lockeren KTzG, so ist auf den neuen Bildern der gereifte, ernste und nachdenkliche, vom Leben geschlagene aber aufrechte Mann zu sehen. Auch an den Fotografen, toll gemacht.

Der Gesprächsaufbau lässt etwas zu wünschen übrig. Man sollte bedenken, dass die Reihenfolge für die Sündenvergebung Reue – Buße – Vergebung ist. Nicht Entschuldigung – Rechtfertigung – Reue (klein wenig, aber immerhin) – Vergebung für die Anderen. Naja, ob man das selbstgewählte Exil als Buße bezeichnen kann ist fraglich. Am Anfang der ganzen Sache steht natürlich das Schuldbekenntnis, aber ich will ja nicht päpstlicher sein als der Papst.

Leider ist im ersten Teil des Interviews bei mir der Eindruck entstanden, dass KTzG unorganisiert, nur begrenzt belastbar und auch noch vergesslich ist. Da muss man noch dran arbeiten, vielleicht mit einer neuen Dissertation. Im nächsten Interview könnte dann ja der Eindruck korrigiert werden.

Alles in Allem, wir werden von ihm wieder hören. Auch wenn er das mit der neuen Partei nicht als Drohung verstanden haben will. Aber vielleicht war es ja ein Versprechen.

Lassen wir uns also überraschen. DIE ZEIT wird uns auf dem Laufenden halten.

DIE ZEIT und der deutsche Held

Auf dem Titelblatt der ZEIT war heute ein stilisierter NVA-Offizier zu sehen mit der Unterschrift Ist das ein deutscher Held?

Es handelt sich hierbei um die Frage, ob man Harald Jäger, den Offizier der am 9. November 1989 den Grenzübergang an der Bornholmer Straße geöffnet hat, als Helden bezeichnen kann.

Man muss hierbei beachten, dass der Bundesminister für Verteidigung diese Frage aufgeworfen hat. Fazit daraus für mich „Unserer Armee gehen die Helden aus!“.

In seiner Rede sagte er:

Lassen sie mich heute – hier in Dresden – darum die Frage aufwerfen, ob man auch in der NVA Traditionswerte finden kann.

Kann vorbildlich genannt werden, wie einige Soldaten der NVA − ihre nahende Auflösung vor Augen − zuverlässig und diszipliniert ihre Waffen und Munitionsbestände vor Missbrauch geschützt haben? Ist es für das Urteil wichtig, dass manche überzeugte Kommunisten waren?

Ein anderes Beispiel: War die Gehorsamsverweigerung des Stasi-Oberstleutnant Harald Jäger am Berliner Grenzübergang Bornholmer Straße am Abend des 9. November 1989 eine vorbildliche Einzeltat? Von seinen Vorgesetzten allein gelassen, hatte dieser, nur auf sein Gewissen hörend, auf eigene Faust entschieden, die Kontrollen einzustellen und die Grenzübergangsstelle zu öffnen.

Ich kann und will für solche Beispiele heute keine Antwort geben. Ich will sie aber zur Diskussion stellen. Was macht es aus, dass aus einer Einzeltat eine Tradition werden kann?

Ich möchte hier nicht auf die Diskussion in der ZEIT eingehen, so interessant sie auch ist.

Aber, Herr Minister, eigentlich war es ja keine Gehorsamsverweigerung die Jäger begangen hat. Seine Vorgesetzten waren nicht erreichbar, oder gaben keine Befehle und ein hohes Regierungsmitglied hatte eine „Reiseregelung“ ab sofort verkündet, die missverständlich war. Er versuchte also den Anschein einer Reiseregelung aufrecht zu erhalten, indem er erst noch Ausweise stempeln ließ, später resignierte er einfach.

Resignation ist aber nicht heldenhaft.

Dass die NVA inzwischen durchaus Anteil an den Traditionen der Bundeswehr hat, ist für mich klar. Es wurden ja schließlich Angehörige der NVA integriert.

Nehmen wir doch lieber die als Helden die, trotz großer Bedenken gegen ihren Einsatz, ihre Befehle heute ausführen und dabei fallen oder verwundet werden.

ZEIT MAGAZIN – Harald Martenstein

Also ich oute mich mal als sehr konventioneller Leser. Deshalb habe ich im ZEIT MAGAZIN als erstes das Inhaltsverzeichnis gelesen. Ich habe mich gefreut, Harald Martenstein schreibt über Die gerechte Strafe für Lehrer, die Kindern Gaga-Deutsch beibringen. Ich gebe zu, für die Justierung meiner Geistesverfassung ist Martenstein immer wichtig, am Donnerstag.

Also Seite 9 aufgeschlagen und als Überschrift steht dort Über seinen bissigen und und eine knallharte Therapeutin: „Sie sagt, ich muss Rudelführer sein“. 

Psychologisch ist der Artikel im Zusammenhang mit den Lehrern hochinteressant. Also „Hund lieb“ bedeutet Er beißt.

Was sich mir nun allerdings nicht erschließt, ist die Rolle der Therapeutin

Die Therapeutin ist groß und breitschultrig und kurzhaarig, ich glaube sie war im Kaukasuskrieg und hat sowjetische Militärhunde durch ihren Blick getötet.

Braucht nun der Lehrer diese, oder das Kind, oder doch der Vater?

Die Therapeutin sagt, dass Hunde anders funktionieren als wir. Unser „lieb“ und ihr „lieb“ sehen anders aus.

Das trifft allerdings für Lehrer zu, aber was hat das mit Gaga-Deutsch zu tun?

Leider bin ich kein Psychologe. Mir erschließt sich der Sinnzusammenhang der beiden Überschriften nicht ganz. Auch ob nun ich oder mein Kind den Lehrer regelmäßig füttern und nicht streicheln sollen bleibt eine offene Frage.

Aber eine Verwechslung im Inhaltsverzeichnis halte ich für ausgeschlossen.

Ich frag mal meinen Therapeuten.

Allianz (1904)

Alte Bücher und Zeitschriften haben uns manchmal viel zu sagen. Vor allem darüber, womit sich die Menschen früher beschäftigten. Manchmal ist der Unterschied zu heute nicht allzu groß.

Allianz

von Karl Ewald

Es waren einmal drei rechtschaffene Männer, von denen jeder seine Ansicht von den höchsten Dingen hatte. Jeder von Ihnen wusste, dass die seine die richtige war, und jeder von ihnen kannte der anderen Rechtschaffenheit. Darum beschlossen sie, in die Welt hinaus zu gehen und ein jeder seinen Glauben zu verkünden und um der Menschen Seelen zu kämpfen.

Da, als sie auseinandergehen wollten, nahm der eine die beiden anderen beim Arme und sagte:

„Seht … dort flammen Scheiterhaufen auf, die Menschen verbrennen einander um ihres Glaubens willen … wir wollen unseren Kampf aufschieben, bis wir sie von ihrem furchtbaren Irrthum befreit haben.“

Das schien den anderen wohlgesprochen, und sie thaten es. Aber als sie mit der Arbeit fertig waren und es wieder ans Scheiden ging, wies der zweite vor sich hin und sagte:

Noch ist unsere Zeit nicht gekommen, um die höchsten Dinge zu streiten … seht … dort ermorden die Menschen einander wie wilde Thiere, auf ihrer Fürsten Befehl.“

Wiederum gaben die Drei sich ihr Wort und zogen vereint in den Kampf gegen die Rohheit der Menschen. Kaum aber hatten sie gethan, was in ihren Kräften stand, und dachten von Neuem an das, was sie am Tiefsten bewegte, als der Dritte sich vor die Stirn schlug und rief:

„Brüder … Freunde … wir müssen noch eine Weile zusammenhalten. Seht … dort hungern die Reichen die Armen aus … und dort füllen die Wissenden die Unwissenden mit Lügen … und dort prügeln die Gesunden die Kranken.“

So ging es jedesmal.

Die drei Männer starben und andere kamen an ihrer statt und wieder andere an ihrer, und die Jahrhunderte rollten hin. Aber unerschütterlich bestand die Allianz.

Hans Dumm flüsterte dem einen zu: Deines Freundes Gesellschaft besudelt Dich … er glaubt nicht an Deinen Gott. Hans Schofel raunte dem zweiten zu: Du kannst Dich mit Deinem Kameraden nicht sehen lassen … er ist mit seiner Frau nicht getraut. Hans Roh wisperte zum dritten: Du machst Dich vor allen Leuten lächerlich, wenn Du’s mit den beiden närrischen Idealisten hältst.

Die drei Männer aber blieben zusammen, und sie sind beisammen noch heutigentags.

Ihre Rechtschaffenheit bindet sie. Und der Menschen Dummheit und Schofeligkeit und Rohheit.

(Autorisierte Übersetzung aus dem Dänischen von H.Kiy)

Aus JUGEND 1904 Nr. 9

JUGEND – Münchner illustrirte Wochenschrift für Kunst und Leben, 1904 Bd.1.

Wer versteht noch die Welt?

Im Bundestag gibt es derzeit nur zwei Parteien. Die Mitglieder der einen haben sich unter dem Banner „Wir retten die Welt“ versammelt. Die Parteigänger der anderen drücken sich im Dunkeln herum, sie wollen nicht erkannt werden, aber wenn man sie höflich anspricht, dann legen sie ein Geständnis ab: „Ich verstehe nicht mehr, worüber ich entscheiden muss. Ich habe mich noch nie so ohnmächtig gefühlt“

So beginnt der heutige Leitartikel von Reinhard Urschel in der LVZ. Leider ist der Artikel online (noch) nicht verfügbar, also muss ich ein bisschen mehr schreiben.

Die Regierung, das Parlament, pauschal gesagt „die Politik“, ist nicht mehr in der Lage, die Folgen politischen Handelns zu erfassen.

Also die Politiker verstehen die Tragweite der von ihnen zu treffenden Entscheidungen nicht mehr. Ich nehme mal an, die oben beschriebene zweite Partei ist die größere.

Skeptisch gefragt, haben die Politiker (im Bundestag) die Tragweite der Entscheidungen, seit der Einführung des Euro, jemals richtig verstanden?

Oder haben sie sich von Interessengruppen blenden lassen?

Denken wir mal an die Einführung des Euro. Wie wurde sie uns kommuniziert? Eigentlich auf dem Niveau der „größten deutschen Tageszeitung“. Wir müssen im Urlaub nicht mehr umrechnen und umtauschen und es wird alles gut und besser.

Risiko- und Folgeneinschätzungen waren wohl damals nicht gefragt, oder wurden den Interessengruppen überlassen. Denjenigen, die den Euro wollten.

Denjenigen, die heute gerettet werden müssen! Den Akteuren der (virtuellen) Finanzwirtschaft.

Der Artikel schließt mit den Worten:

Vom Handeln der Regierenden hängt es ab, den Menschen die Angst vor dem Versagen der freiheitlichsten aller Gesellschaftsformen zu nehmen.

Dem kann ich mich nur anschließen, aber wie soll das gehen – wenn sie nicht wissen, was sie tun?

Wenn Journalisten regieren würden

Sehen wir es ihm nach, er ist jung und er ist Journalist. Zumal durch Erfahrung an den Finanzschauplätzen unter anderem in London geprägt. Ja, die Rede ist von Mark Schieritz, der ZEIT und dem Artikel Ein Befreiungsschlag für Europa heute auf ZEIT online.

Es ist natürlich nichts Verwerfliches daran zu finden, dass man sich Gedanken macht und diese dann publiziert. Wenn doch, dann mache ich jetzt auch etwas Verwerfliches. Aber ehrlich, ich mache es gern.

Ich dachte im ersten Moment, es wäre Satire, musste mich dann aber davon überzeugen, dass dies nirgends ersichtlich war. Also schauen wir mal, was im 7-Punkte Programm steckt.

Im Punkt 1 des Programms steckt folgendes Kleinod:

Wir haben erkannt, dass es ein Fehler war, die Privatgläubiger durch Schuldenschnitte an den Krisenkosten beteiligen zu wollen, weil sich die Krise dadurch ausgeweitet hat und andere Länder angesteckt wurden.

Niedlich finde ich den Begriff Privatgläubiger, der hat so den Anklang von Oma, die das Geld aus ihrem Sparstrumpf verliert. Nicht ganz so niedlich ist, dass damit die Banken und Finanzjongleure gemeint sind. Die Leute und Institutionen, die (auch mit dem Geld von Oma) spekulieren und beim Schuldenschnitt meist spekulative Gewinne verlieren.

Natürlich weitet sich die Krise aus durch die Beteiligung dieser Institutionen an den Kosten, aber nur weil sie im nächsten Land spekulieren. Mit dem Kapital, welches sie vorher aus dem Krisenland abziehen. Also garantieren wir ihnen ruhig ihre Spekulationsgewinne.

2. Wir gehen davon aus, dass Griechenland die Hälfte seiner Schulden selbst bedienen kann, den Rest – schätzungsweise 175 Milliarden Euro – übernehmen wir.

Bedienen kann ist eine schöne Formulierung. Leider wissen wir ja alle, dass es bedeutet Zinsen zahlen kann. Also kein Abbau der Verschuldung, höchstens eine geringeres Wachstum der Schuldenlast. Aber nur bei gleich bleibendem (nicht steigendem) Zinssatz. Steigen diese, dann wird nichts draus. Die Übernahme des Restes „durch uns“ bedeutet für „uns“ ebenfalls weitere Verschuldung. Sorry, das ist ein Teufelskreis.

 3. Im Gegenzug verpflichtet sich Griechenland zu einem weit reichenden Reformprogramm und wird für die Dauer dieses Programms nur über eingeschränkte fiskalische Souveränität verfügen.

Wer übernimmt nun die fiskalische Oberhoheit über Griechenland? Die EU, also u.a. Länder die in einer vergleichbaren Lage sind, ergo es auch nicht besser gemacht haben?

Oder sind hier konkrete Länder und/oder Personen gemeint?

Der 4. Punkt ist eigentlich seit Jahren (oder sind es Jahrzehnte) überfällig. Ich meine nicht den Konvent, der eigentlich zur Zeit wieder ein Krisengipfel wäre. Ich meine

Wir wollen die politische Union schaffen, ohne die eine Währungsreform nicht funktioniert. Dazu gehört auch die Bekämpfung der internen Ungleichgewichte in der Währungsunion.

 Punkt 5 ist „nur“ die Bekundung einer gemeinschaftlichen Haftung der EU-Staaten für alle Schulden aus der Vergangenheit und für die Zukunft.

Im 6. Punkt sind mehrere bemerkenswerte Passagen versteckt.

Wir werden unnütze Staatsausgaben streichen, aber wir lassen nicht zu, dass der Wohlfahrtsstaat ausgezehrt wird.

Ausgaben für die Wohlfahrt des Volkes sind keine unnützen Ausgaben, somit ist der Zusammenhang für mich nicht nachvollziehbar.

Wir erhöhen darüber hinaus das Renteneintrittsalter auf 70 Jahre, mit Ausnahmeregeln für bestimmte Berufsgruppen. Diese Maßnahme spart Milliarden und belastet die Konjunktur nicht. Es ist weder verantwortbar noch sozial, einen immer größeren Teil unserer arbeitsfähigen Bevölkerung auf das Abstellgleis zu schieben.

Nun ja, die Rentenzahlung ist natürlich ein Problem, welches die Kassen belastet. Aber wäre es nicht „weiser“ der Jugend im arbeitsfähigen Alter Vollbeschäftigung zu garantieren. Das traut sich der Autor aber nicht. Warum sind bereits vor Jahren in Athen arbeitslose Jungakademiker auf die Straße gegangen? Weil das Rentenalter zu niedrig ist? Wohl kaum. Nicht die Menschen zwischen 65 und 70 gestalten die Zukunft, es sind die zwischen 20 und 30. Der o.g. Vorschlag belastet die Konjunktur wirklich nicht,  HARTZ IV kostet weniger als Rente.

Ach ja, wie war das mit der Auszehrung des Wohlfahrtsstaates?

Am Punkt 7 gibt es nichts zu meckern, aber er ist ja nur eine Absichtserklärung.

Also alles in Allem, warum sollte ich mich aufregen? Es ist ja nur ein Vorschlag – von einem Journalisten.

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